Torben Rosenbohm

Freier Journalist und Autor aus Oldenburg

Zurück in Oldenburg: Interview mit Marcel Keßen

Marcel Keßen wechselte im Sommer von Bundesliga-Absteiger MLP Academics Heidelberg zu den EWE Baskets Oldenburg. Bei den Niedersachsen war er bereits von Ende 2016 bis 2020 aktiv. Im Interview spricht der 29-Jährige über seine Zeit in Hagen, eine überraschende Verbindung zu Demajoe Wiggins, die Rückkehr nach Oldenburg und die Ziele für die laufende Saison in der easyCredit Basketball Bundesliga.

Marcel, du bist in Hohenlimburg, einem Stadtteil der echten Basketballhochburg Hagen, geboren. Wie tief steckt die Stadt in deinem Herzen?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn ich bin dort zwar aufgewachsen, im Anschluss sind wir aber ein Stück Richtung Iserlohn gezogen. Ich habe dann entsprechend in Iserlohn gespielt, das lag einfach näher. Im Alter von 14 Jahren bin ich zu Boele-Kabel gegangen, einer echten Hochburg für junge Basketballer – die haben immer alle Guten zu sich geholt. Aber klar, Hagen steckt doch immer in einem drin. Ob ich da irgendwann noch mal wieder wohnen werde, weiß ich nicht; ich habe mittlerweile viele Städte gesehen, in denen es auch schön ist. Es exisitiert aber auf alle Fälle eine emotionale Verbindung zu Phoenix Hagen, gerade auch zu Headcoach Chris Harris. Der hat mich damals aus einem Loch herausgeholt, in dem ich gesteckt habe. Auf den Punkt gebracht: Ich bleibe immer ein bisschen Hagener.

Zu Hagens Trainer Chris Harris hat Marcel Keßen eine besondere Verbindung. Foto: Ulf Duda

Du hast in zahlreichen Jugend-Nationalmannschaften gespielt. Früher war der letzte Schritt ins Herren-Nationalteam vielleicht etwas einfacher, denn mit Blick auf die vergangenen Jahre muss man festhalten: Der deutsche Basketball hat sich sehr gut entwickelt, und es kann selbst sehr guten deutschen Spielern passieren, dass der Weg in die A-Nationalmannschaft aufgrund der Vielzahl an herausragenden Akteuren versperrt ist. Wie bewertest du diese Entwicklung?

Das ist eigentlich unfassbar! Die Entwicklung, die ganz Basketball-Deutschland vollzogen hat und immer noch vollzieht, ist außerordentlich gut. Die Erfolge allein sprechen für sich, aber das alles geht weit darüber hinaus. Es gibt so viele Kids, die Basketball für sich entdecken – es geht nicht mehr nur um Fußball. Die jungen Leute sehen: Das ist ein geiler Sport, der wahnsinnig viel Spaß macht und auch noch gut anzuschauen ist. Direkt bin ich momentan kein Teil davon, aber irgendwie gehört man ja auch ein Stück weit dazu. Das Niveau in der Basketball-Bundesliga wird auch kontinuierlich höher. Und in den Jugend-Nationalmannschaften tut sich ebenfalls eine ganze Menge. Das darf gern so weitergehen!

Du hast hier in Oldenburg deine ersten Schritte in der Bundesliga vollzogen, bevor du dich nach fast vier Jahren entschieden hast, in die ProA zu wechseln. Welche Bedeutung hatte dieser Schritt im Rückblick betrachtet für deine Karriere?

Man steckt als junger deutscher Spieler oft in einer schwierigen Situation, denn man möchte ja vor allem spielen. Das funktioniert dann leider nicht immer so, wie man sich das wünscht. Am Ende meines letzten Vertragsjahres musste ich eine Entscheidung treffen, und ich hatte das Gefühl, dass ich bereit war für eine Führungsrolle. Die wollte ich dann in der ProA in Bremerhaven übernehmen, allerdings hat mich dort eine Verletzung zurückgeworfen. Dann bin ich nach Hagen gegangen – mit dem Gedanken: Das Geld steht nicht an erster Stelle, ich will zocken. Und das war genau das Richtige für mich. Diese Zeit dort war großartig, vor allem auch das letzte Jahr in der Rolle als Kapitän. Ich habe Selbstvertrauen gewonnen und war dann wieder bereit für den Sprung zurück in die BBL. Man muss schon klar sagen: Der Unterschied zwischen diesen Ligen ist enorm, und ich habe im Anschluss in Heidelberg auch einen Moment benötigt, um wieder auf das Niveau zu kommen.


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Hast du eigentlich mit deinem heutigen Mitspieler Demajeo Wiggins darüber gesprochen, dass du 2021 von Hagen verpflichtet wurdest, als es mit Wiggins aufgrund der Corona-Einreisebestimmungen nicht geklappt hat?

(lacht) Woran ich mich erinnere: Ich war in Bremerhaven – und ich wusste, Hagen benötigt einen Big Man. Chris Harris hat mich spät abends nach einem Spiel angeschrieben und gesagt: „Bro, unser Center kommt nicht ins Land, wir brauchen einen.“ Er hat mitbekommen, dass es für mich nicht rundlief. Ob ich nicht Bock habe, nach Hagen zu kommen. Ich war sofort Feuer und Flamme. Wir haben alles ganz schnell geregelt, einen Tag später war ich dort. Aber dass es damals um Demajeo ging, wusste ich nicht. Da muss ich ihn drauf ansprechen!

Du hast das Thema Heidelberg eben schon kurz angesprochen. In deiner Zeit dort hast du höchste Höhen und tiefste Tiefen inklusive Abstieg erlebt. Was lief in dem einen Jahr besonders gut und im letzten besonders schlecht?

Im ersten meiner drei Jahre haben wir gegen den Abstieg gespielt und sind mit Ingo Freyer in der Liga geblieben. Dann folgte ein Umbau, bei dem nur sehr wenige Spieler aus dem Vorjahreskader an Bord geblieben sind. Es fühlte sich an wie eine Fusion aus Tübingen und Heidelberg. Wir sind ohne Druck in die Saison gegangen, das einzige Ziel lautete Klassenerhalt. Und irgendwann lief es einfach. Irgendwann ist ein Spieler nach dem anderen ausgefallen, wir waren nur noch zu siebt. Der Vierer spielte die Zwei, Paul Zipser die Drei, das wurde immer wilder. In den Playoffs waren wir wieder kompletter, und wir hatten so viel Selbstvertrauen und eine solche Selbstverständlichkeit gewonnen, dass wir einfach weiter gewonnen haben. Und dann kam die dritte Saison. Wir haben Champions League gespielt, rückblickend kam das – so sehr ich diese Spiele auch schätze – für den Club etwas zu früh. Hinzu kam, dass wir vielleicht etwas zu locker in die Saison gegangen sind. Das Jahr davor war prima, wir hatten eine tolle Teamchemie, aber am Ende fehlte so auch ein wenig die Spannung. Es gab dann noch die Probleme mit Marcus Weathers, dem Zwillingsbruder von Michael. Ich glaube, die Trennung von ihm und vom Headcoach kam etwas zu spät. Der Klassenerhalt wäre möglich gewesen.

In Heidelberg erlebte Marcel Keßen in den vergangenen Jahren ein Auf und Ab. Foto: Ulf Duda

Was waren deine ersten Gedanken, als die Idee aufkam, wieder nach Oldenburg zurückzukehren?

Für mich war zunächst einmal klar, dass ich nach der letzten Saison den Club wechseln musste. Wir haben viele Spiele verloren und die Liga nicht gehalten, aber ich hatte schon den Eindruck, dass ich eine gute Saison gespielt habe. Mir ist das keinesfalls leichtgefallen, denn Heidelberg ist mir schon ans Herz gewachsen. Oldenburg war dann einer der ersten Clubs, der angeklopft und mir vermittelt hat, dass man mich gern im Team haben möchte. Ich habe an die Stadt und den Club viele Erinnerungen; aufgrund meiner sportlichen Situation damals waren die, so ehrlich muss ich sein, nicht ausschließlich gut. Aber diese gemischten Gefühle haben sich schnell verzogen nach den ersten Gesprächen.

Die du zunächst mit Lazar Spasic geführt hast …

Das ist richtig, und ich musste dann natürlich erst mal verarbeiten, dass es beim Headcoach noch eine Veränderung gab. Die Gespräche mit Milenko waren aber ebenfalls sehr gut, und nach den ersten Monaten sage ich: Er ist fordernd, es ist nicht immer einfach, aber ich bin froh, dass er hier ist. Denn ich glaube, dass er etwas aus mir herausholt, was noch kein anderer herausgeholt hat. Und das ist unter anderem der Umstand, dass man in der Defensive immer und durchgehend 150 Prozent abliefert.

Du hast in einem Club-Interview darüber gesprochen, im Sommer an deinen Defiziten arbeiten zu wollen. Hat das funktioniert – und welche meinst du damit überhaupt?

Hauptsächlich geht es da um die Verteidigung. In der Offensive lief es eigentlich immer ganz gut für mich. Und inzwischen muss ich sagen, dass ich ganz zufrieden bin mit meiner Entwicklung und mit der Tatsache, dass ich dieses hohe Tempo mitgehen kann. Es ist nicht immer perfekt, und es passieren auch immer mal Fehler. Gerade in unserem Verteidigungssystem, das für Fünfer nicht einfach ist. Man muss viel lesen und entscheiden: Wann springe ich raus, wann nicht, wann hedge ich, wann mache ich dies, wann mache ich das. Ich versuche daher, immer an meinem Körper zu arbeiten, meine Fitness zu verbessern; in meiner Karriere habe ich wahrscheinlich erst spät gemerkt, wie unfassbar wichtig das ist. Das betrifft auch die Ernährung, wo es darauf ankommt, konsistent zu bleiben. Ich bin auf einem sehr guten Weg, und das unterscheidet mich wohl auch von dem Spieler, der ich in meiner ersten Zeit hier in Oldenburg war. Manchmal dachte ich früher: läuft schon von allein. Heute weiß ich: Das tut es nicht.

Auf seine erste Zeit in Oldenburg blickt der Big Man durchaus kritisch. Foto: Ulf Duda

Ihr habt nach einem sehr guten Start zuletzt Rückschläge einstecken müssen. Wie gelingt es, trotz Niederlagen positiv zu bleiben?

Zunächst einmal gilt es, die Situation mit den vielen Verletzten anzunehmen. Leider gehört das im Sport dazu. Und trotz dieser Ausfälle gefällt mir das Engagement im Training sehr gut. Alle arbeiten hart, auch die Spieler aus der ProB machen einen prima Job. Im Spiel ist das dann natürlich ungleich schwerer, es über 40 Minuten in Gänze aufrechtzuerhalten; gerade bei den Guards sind wir momentan sehr dünn. Wichtig ist, dass wir das große Ganze sehen. Wir haben Spiele verloren, die wir nicht unbedingt hätten verlieren müssen, wenn wir komplett gewesen wären – und vielleicht kommen jetzt auch noch ein, zwei weitere schwierige Spiele hinzu. Aber: Wir haben eine gute Truppe, und wir machen konzentriert weiter. Ich bin nach wie vor sehr optimistisch, dass wir erfolgreich sein werden.

Du hast die Ausfälle angesprochen, und so sehr jeder betont, diese nicht als Ausrede nutzen zu wollen, so sehr muss einem doch klar sein, welchen Einfluss das auf das Training und das Spiel hat. Wo siehst du aber abseits dieser Thematik momentan das größte Verbesserungspotenzial?

Unser Trainer ist bekanntlich sehr auf die Defensive bedacht, denn mit einer starken Verteidigung gewinnst du auch Spiele, in denen es offensiv nicht richtig läuft. Aber in der Offense fehlen uns tatsächlich gelegentlich die Ideen; es gibt zwischendurch Szenen, in denen der Ball kurz zum Stehen kommt und man überlegt: und jetzt? Da benötigen wir etwas mehr Kreativität – und landen natürlich wieder an dem Punkt, dass uns leider eben auch einige Kreative momentan fehlen. Das Grundgerüst aber besteht aus einer guten Defense, auf die wir uns immer verlassen können müssen.

Wie zufrieden bist du persönlich mit dem bisherigen Saisonverlauf, wenn du auf deine Leistungen schaust?

Ich tendiere da ehrlich gesagt zu fünfzig-fünfzig. Ich habe gut begonnen, dann folgte ein kleines Tief, zu dem auch die Klatsche in München gehörte. Gegen Hagen war es für mich ebenfalls schwer. Das war ein komisches Gefühl, da war ich wirklich aufgeregter als sonst, und deshalb habe ich vor allem defensiv mehr Fehler begangen. Diese Schwankungen gehören aber halt zu einer Saison dazu. Manchmal fragt man sich in einer Hochphase: Okay, so ist das jetzt – und wann kommen die schlechten Spiele? Zack, hat man eines. Das lässt sich auch nie richtig einschätzen oder voraussagen. Es gibt Tage, da fühlt man sich blendend, und das Spiel ist dann der letzte Mist. In Würzburg wiederum habe ich mich nicht gut gefühlt, und dann wurde es ein richtig gutes Spiel, ich war viel auf dem Feld und wir gewannen das Ding. Ich habe noch Potenzial nach oben, vor allem in der Verteidigung. Offensiv mache ich mir keinen Stress. Ich bekomme ein paar weniger Würfe als in den letzten Jahren, aber das ist hier auch ein größerer Club.

Für Keßen gilt es angesichts der problematischen Personalsituation, „das große Ganze“ im Blick zu behalten. Foto: Ulf Duda

Wie sehr verändert sich für dich als Spieler das Selbstverständnis, wenn du für einen Club aufläufst, der das klare Ziel der Playoffteilnahme ausgibt?

Das ist schon etwas anderes. Man gibt sich selbst weniger Freiraum für Fehler, denn es ist klar: Die werden bestraft. Nicht nur vom Gegner, sondern auch vom Trainer. (lacht) Dadurch ist der Druck etwas höher, die Anspannung vor den Spielen ist größer. Man will einfach performen, seinen Job gut machen und den Zielen gerecht werden.

Spielt im Hinterkopf eine Rolle, dass Oldenburg in den letzten Jahren regelmäßig nicht dort landete, wo es nach eigenem Verständnis hingehört?

Damit befasse ich mich nicht, denn: Ich war nicht hier. Für das, was in den vergangenen Saisons hier ablief, kann ich nichts. Natürlich verfolgt man das und ich weiß auch, dass die EWE Baskets weiter nach oben gehören. Aber mit der jüngeren Vergangenheit habe ich nichts zu tun, und ich möchte jetzt einfach einen guten Job machen und mithelfen, Oldenburg nach oben zu bringen. Wir arbeiten jeden Tag hart dafür und wollen uns die Erfolge verdienen.

Was traust du deiner Mannschaft in dieser Saison zu? Vorausgesetzt, die Kadersituation stabilisiert sich über einen längeren Zeitraum.

Einiges! Wenn wir vollständig sind, dann können wir jedes Spiel gewinnen. Egal ob zu Hause oder auswärts, wenngleich die Spiele vor unseren Fans natürlich noch mal etwas Besonderes sind. Wir sollten auch grundsätzlich in jedes einzelne Spiel gehen, um es erfolgreich zu bestreiten. Das muss der Anspruch sein, der auch wichtiger ist, als immer zu sagen, man könnte Erster, Zweiter, Achter oder Zehnter werden.

Was erwartest du vom Freitagspiel gegen Bamberg? Die Franken sind als Titelverteidiger just aus dem Pokal ausgeschieden.

Ich erwarte eine toughe Aufgabe. Bamberg ist überraschend gut in die Saison gestartet. Viele haben gedacht, dass sie es sehr schwer haben werden mit einer nahezu komplett neuen Mannschaft. Die werden Gas geben und sehr genau wissen, dass wir momentan dünn besetzt sind. Bamberg wird einen Plan mitbringen, wo man uns angreifen muss. Dem müssen wir uns als Team entgegenstellen. Außerdem müssen wir unsere Guards so gut es geht unterstützen. Ich bin optimistisch, dass wir das Spiel gewinnen.


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Zu meinem Basketball-Background: Als wenig erfolgreicher Spieler hatte ich lange Zeit großes Interesse am aktiven Tun, allerdings beschränkt sich meine Liebe zu diesem Sport inzwischen auf die Besuche in den Hallen und Arenen und die entsprechende Arbeit an der Tastatur. Von 2004 bis 2014 habe ich die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit der EWE Baskets Oldenburg geleitet, seitdem beschäftige ich mich mit dem Club im Speziellen und dem Basketball im Allgemeinen als freier Journalist – unter anderem als redaktioneller Mitarbeiter für die easyCredit Basketball Bundesliga, die Nordwest-Zeitung oder als gelegentlicher Experte am Mikro bei den EWE Baskets oder in diesem Blog. Für die Dauer der Saison 2025/26 bin ich als PR Manager (in Teilzeit) vorübergehend zum Club zurückgekehrt. Was ich sonst noch so mache: hier entlang.