Torben Rosenbohm

Freier Journalist aus Oldenburg

Geno Crandall im Interview: „Es fühlte sich an wie eine Lawine“

In 33 Spielen der easyCredit Basketball Bundesliga kam der US-Amerikaner Geno Crandall in der Saison 2022/2023 für die BG Göttingen zum Einsatz. Mit 12,4 Punkten und 4,6 Assists im Schnitt hatte er großen Anteil daran, dass sein Team überraschend die Playoffs erreichte. Im vergangenen Sommer entschied er sich für einen Wechsel nach Israel, doch bevor die Saison begann, verließ er mit seiner Familie das Land. Im November präsentierten die EWE Baskets Oldenburg den 27-Jährigen als Nachverpflichtung – und mit 15 Punkten und 4,8 Assists pro Partie hat er sich inmitten einer schwierigen Saisonphase als Glücksgriff erwiesen. Vor dem Duell mit seinem Ex-Club aus Göttingen (13. Januar, 20 Uhr) sprach er beim ausgiebigen Interview im Club Center an der Maastrichter Straße mit mir über seine Begeisterung für den College-Basketball, die Lage bei den EWE Baskets im Speziellen und die Liga im Allgemeinen.

Geno, lass uns zu Beginn einen Blick auf deine Zeit am College werfen. Du hast unter anderem ein Jahr lang unter dem legendären Trainer Mark Few bei den Gonzaga Bulldogs gespielt, der dort seit einem Vierteljahrhundert als Headcoach fungiert. Wie gefiel dir die Zeit am College – und verfolgst du das Geschehen dort immer noch?

Meine Zeit am College, insbesondere in Gonzaga, war großartig für meine Entwicklung als Basketballspieler. Davor war ich drei Jahre lang an einem kleineren College in North Dakota, wo wir eine Menge Erfolg hatten. In Gonzaga war die Herausforderung noch etwas größer, dort spielte ich in einem größeren Programm, mit besseren Spielen und in einer etwas anderen Rolle. Das hat mein Spiel erweitert und mir geholfen, neue Erfahrungen zu sammeln und dabei andere Arten des Basketballspielens zu erkunden. Was auch zu erwähnen ist: Man erfährt viel darüber, was es bedeutet, wie ein Profi zu arbeiten. Das Programm dort ist sehr professionell. Davor, und das schließt auch die jüngeren Jahre vor dem College ein, lief es eher so, dass die Coaches einen immer wieder dazu gebracht haben, mehr zu investieren und noch mehr Zeit in der Trainingshalle zu verbringen.

Das läuft in Gonzaga anders?

Da erwartet man von dir, dass du die Dinge selbst in die Hand nimmst. Du musst eigenverantwortlicher handeln und dir den Druck selbst machen. Und eben das erwartet dich als Profi: Du musst zurechtkommen. Mal wird man in einer laufenden Saison in ein Team gebracht, dann gibt es wieder andere, besondere Umstände, mit denen du umgehen musst. Und es gibt kein Trainerteam, das sich um jede Kleinigkeit kümmert und dir sagt, auf was du alles Acht geben musst. Tatsächlich habe ich immer noch Kontakt, schreibe ab und an mit den Coaches hin und her. Ich möchte informiert bleiben, insbesondere im Hinblick auf das, was in Gonzaga passiert. Collegebasketball ist wirklich eine besondere Marke; vergleichbar eher mit dem professionellen Basketball in Europa als mit dem in der NBA. Da gibt es viel Tolles zu sehen. Ich bin ohnehin ein Basketballnerd, da kann ich nie genug sehen. (lacht)

Leben als Profi: Darauf hat das Jahr in Gonzaga Geno Crandall gut vorbereitet. Bild: Ulf Duda / fotoduda.de

Deine Karriere als Profibasketballer begann in Tschechien, nach einem Jahr bist du für zwei Saisons nach England gewechselt und beide Male MVP geworden. Wie würdest du den Basketball dort beschreiben und welche Rolle spielt er in der öffentlichen Wahrnehmung?

Nun, die Position, in der der Basketball in England steckt, ist ein wenig tricky. Vorab: Ich hatte dort zwei wirklich tolle Jahre, habe viele Leute kennengelernt und Freunde gewonnen. Das verfolge ich nach wie vor gerne, eine Menge Spieler, die ich gut kenne, sind dort aktiv. Wenn du auf die ganzen Menschen schaust, die in England Basketball spielen und diesen Sport leben und auf die, die sich dafür interessieren, dann stellt man fest, dass es der zweitbeliebteste Sport hinter Fußball geworden ist. Allerdings spielt es mit Blick auf die finanzielle Unterstützung eine wesentlich kleinere Rolle, das ist schon ein bisschen seltsam. Es gibt natürlich auch noch andere populäre Sportarten, beispielsweise Cricket, sogar Handball und Eishockey …

… und Darts! …

… Ja, Darts ebenso und auch Billard. Das alles zieht Leute an, es gibt in diesen Bereichen oft wirklich große Mediendeals. Und auch die Basketballliga selbst ist in einer kniffligen Position. Dort wird wirklich viel getan, um den Sport bekannter zu machen, zu wachsen und mehr Geld zu generieren. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich dafür so begeisterte: Es ist eine Art Underdog-Geschichte, in der man gegen große Hindernisse ankämpft und sein Bestes gibt. Ich habe ein Herz für Underdogs. (lacht) Ich hoffe, sie erreichen einen Punkt, an dem sie die verdiente Anerkennung erhalten.

Immerhin gibt es in London ein Team, das im Eurocup antritt.

Das stimmt, und dieser Club hat großen Anteil daran, das Profil des englischen Basketballs zu verbessern. Dort wird sehr professionell gearbeitet.

Du hast eben selbst gesagt, dass du ein Basketballnerd bist. Ich wurde auf deinen Podcast „In The Gap“ hingewiesen, den ich – wie ich zu meiner Schande gestehen muss – bislang noch nicht wahrgenommen hatte. Erzähl mir ein bisschen darüber, was die Idee dahinter ist.

(lacht) Das resultiert aus meinen Freundschaften in England. Zwei Jungs von dort, mit denen ich jeweils in einer Saison zusammengespielt habe, hatten – genau wie ich – Kontakt zu einem Inhaber einer Marketing- und Medienagentur. Wir haben ihn, unabhängig voneinander, auf die Idee angesprochen, einen Podcast ins Leben zu rufen. Er brachte uns dann bei dieser Sache zusammen – ohne, dass wir wussten, in welche Richtung das alles gehen soll. Einer von uns wollte eher Einblicke hinter die Kulissen liefern, ein anderer hatte eher im Sinn, seine Erfahrungen weiterzugeben und damit jüngeren Sportlern zu helfen. Mich persönlich reizt das Thema Medien schon immer, entsprechend war ich auch an einer Schule, die sich auf das Thema Kommunikation spezialisiert hat. Also: Inhaltlich hatte ich keine Vorliebe, ich wollte einfach nur Erfahrungen darin sammeln, einen Podcast auf die Beine zu stellen. Und damit den ganzen Produktionsprozess kennenlernen und mich in einer journalistischen Form ausprobieren. Denn genau das könnte etwas sein, was mich nach meiner Basketballkarriere reizen könnte. Und so haben wir losgelegt und bislang allerdings auch erst fünf oder sechs Folgen zusammenbekommen. Wir haben ein paar Sachen an die Wand geworfen und zugeschaut, was davon hängenbleibt. (lacht). Jetzt gab es über die Weihnachtstage eine Pause, aber bald soll es weitergehen. Dann werden wir uns auch etwas mehr auf ein Ziel fokussieren.

Geno Crandall bezeichnet sich selbst als Basketballnerd. Bild: Ulf Duda / fotoduda.de

Das ist der Vorteil der heutigen Zeit: Man kann mit einer guten Idee einfach in dieser Form an die Öffentlichkeit gehen.

Hundert Prozent Zustimmung! Wir wollten das einfach machen, und wir hatten einen Fürsprecher, der uns mit dem ganzen technischen Aspekt vertraut gemacht hat. Das macht alles großen Spaß. Und noch einmal: Ich bin ein Basketballnerd, da passt so etwas einfach. Und wenn es am Ende nichts wird? Dann starte ich vielleicht einfach meinen eigenen YouTube-Channel und erkläre Spielzüge.

Im vergangenen Sommer hast du einen Vertrag in Israel unterschrieben, aber noch vor dem Beginn der Saison bis du nach den furchtbaren Geschehnissen am 7. Oktober mit deiner Familie in die USA zurückgekehrt. Wie hast du die Situation dort erlebt?

Der Konflikt an sich ist ja grundsätzlich allen bekannt, und entsprechende Überlegungen spielten natürlich schon eine Rolle, als ich dort unterschrieben habe. Die israelische Liga ist eine renommierte Liga, es gibt einen sicheren Spielbetrieb und nach Gesprächen mit meinem Agenten und anderen sprach nichts dagegen, dort einen Vertrag zu unterschreiben. Als dann unser erstes Saisonspiel auf dem Programm stand, veränderte sich die Situation mit dem 7. Oktober natürlich massiv. Und das wurde dann natürlich zu einer Erfahrung, von der man niemals ausgeht, sie selbst einmal erleben zu müssen. Wenige Tage, bevor wir das Land verlassen haben, mussten wir uns noch in einem Bunker bei unserem Haus in Sicherheit bringen. Du weißt einfach nicht genau, was passieren wird. Man verfolgt die Nachrichten, so gut es geht, zudem hat der Club alles getan, um mit uns in Kontakt zu bleiben und uns zu helfen. Man sorgt sich um seine Familie, schließlich fühlt man sich als derjenige, der sich für diesen Vertrag entschieden hat, verantwortlich dafür, sie in diese Situation gebracht zu haben. Ich muss den Club noch einmal loben: Das war exzellent, wie man uns unterstützt und dabei geholfen hat, zurück in die USA zu kommen. Und auch darüber hinaus, als es um die Vertragsauflösung ging, um nach Oldenburg zu wechseln.

Wie schnell richtete sich dein Blick darauf, sportlich woanders unterzukommen?

Als das alles passierte und wir in den USA waren, saßen wir zuhause zusammen und haben über die Situation gesprochen. Ich fragte: Was nun? Meine Partnerin sagte nur: Ich möchte zurück nach Deutschland! Finde einen Club dort. (lacht) Versprechen konnte ich ihr das natürlich nicht.

Tatsächlich landetest du dann in Deutschland. Was wusstest du zuvor über die EWE Baskets – und wie stellt sich der Vergleich deiner Vorstellungen mit der Realität dar?

Das Offensichtliche resultierte aus dem, was ich als Spieler in der Bundesliga erlebt habe: Das ist ein starker Club. Mit einer tollen Geschichte, aber auch großen Erwartungen. Aus allen Gesprächen mit Spielern, vor allem mit denen, die Coach Pedro kennen, wusste ich: Das wird hart. (lacht) Das Spiel ist sehr physisch, sehr schnell. Es fordert einen heraus. Der Trainer möchte das Beste aus dir herausholen, und diese Herausforderung musst du annehmen. Aber auch über den Club selbst habe ich nur Gutes gehört: hoch professionell, sie kümmern sich wirklich um alles. Und als ich dann hier ankam, zeigte sich: Genau so ist es! Die Stadt selbst ist sogar noch basketballverrückter, als ich es ohnehin schon erwartet hatte. Wir hatten sportlich zuletzt einige Probleme, das kann jeder sehen, aber die Fans haben nicht aufgehört, zu den Spielen zu kommen und uns zu unterstützen. Das ist großartig! Man könnte momentan viel auf uns schimpfen, aber das passiert nicht. Das bedeutet für uns auch: Wir selbst machen uns den Druck, erfolgreich zu sein. Aber wenn bei jedem Heimspiel wieder 6.200 Zuschauer in die Halle kommen, unabhängig von den Resultaten, dann ist das schlicht toll. Wir wollen das zurückzahlen, die Fans verdienen Siege. Also: Es gefällt mir hier wirklich sehr gut.

Fünf Spieler sind zum Teil bereits sehr lange nicht mehr an Bord. Im Training dürfte es oft genug nicht mehr möglich sein, ein intensives fünf-gegen-fünf-Training auf die Beine zu stellen. Wie schwierig ist diese Situation?

Das hat bereits viele Herausforderungen mit sich gebracht. Wir probieren viel aus, spielen vier-gegen-vier, drei-gegen-drei. Das führt natürlich dazu, dass beispielsweise das Spacing durcheinandergerät, wenn du plötzlich wieder zu fünft aufläufst. Oder du bekommst Probleme beim Aushelfen, denn beim drei-gegen-drei gibt es natürlich die eine oder andere Lücke, die im Spiel nicht entsteht und dort möglicherweise von deinem Nebenmann geschlossen wird. Dadurch landet man dann vielleicht auch mal in der falschen Position, offensiv wie defensiv. Grundsätzlich benötigt man im Training eigentlich die Energie von jedem Einzelnen, aber bei uns war es zuletzt oft so, dass zwei Jungs gerade eine Behandlung beim Physio bekamen und drei andere nur im Kraftraum arbeiten konnten, während ein weiterer nur zuschauen darf. Und so sinkt dann das gesamte Energielevel ein wenig ab, in der Halle ist einfach weniger los, es ist leiser als gewöhnlich. Aber seien wir ehrlich: Das ist Teil des Geschäfts. Es gibt immer mal ein Team, das schlimmer betroffen ist – in dieser Saison sind wir es offensichtlich unglücklicherweise. Wir geben alles, um einen Ausweg zu finden; und die verletzten Spieler tun alles, um wieder zurückzukehren. Sie brennen darauf, wieder für das Team da zu sein.

Im Kreise der Kollegen: In Oldenburg fühlt sich der 27-Jährige sehr wohl. Bild: Ulf Duda / fotoduda.de

Fans sprechen oft über die Intensität im Spiel und spekulieren über ein möglicherweise kaum weniger intensives Level im Training. Wie stellt sich das aus deiner Sicht dar? Und, auch wenn du das möglicherweise nicht zugeben würdest: Ist es vielleicht ab und an zu viel des Guten?

(lacht) Ja, es ist intensiv, auch und gerade im Training. Aber: Wenn du diese Art des Spiels nicht entsprechend im Training vorbereitest, dann kannst du es im Spiel auch nicht umsetzen. Ich glaube daher nicht, dass es zu viel ist. Die Verletzungen, die wir hatten, resultieren nicht aus Überanstrengung. Das waren unglückliche Situationen; mal landet man falsch, mal geschieht etwas anderes Unberechenbares. Das ist keine Folge des Trainings. Das alles ist unsere Art zu spielen – und das ist auch die Art des Spiels, die in der vergangenen Saison auf Platz vier geführt hat. Da waren die Spieler immer bereit, sie haben schnell gespielt, haben hervorragend miteinander kommuniziert. Es gab immer Druck, der Gegner wurde zu Fehlern gezwungen. Das funktioniert! Im Moment gibt es leider eine Menge Herausforderungen, wir müssen uns da einfach durcharbeiten. Und wir bleiben dabei: Wir bereiten uns intensiv auf die Spiele vor, um sie zu gewinnen – in unserem Stil.

Wenn ich deinem Spiel zuschaue und auf deine Zahlen blicke, die besser sind als in deinem auch schon guten Jahr in Göttingen, scheint es dir nahezu leichtgefallen zu sein, mitten in der Saison deine Rolle bei den EWE Baskets zu finden. War es tatsächlich so einfach?

Das war eine ungewöhnliche Situation für mich, denn ich war noch nie in der Position, erst während einer laufenden Saison zu einem Club zu kommen. Das Team, und das umfasst die Spieler ebenso wie die Coaches, hat es mir sehr leichtgemacht. Ich wurde praktisch direkt hineingeworfen, es ging unmittelbar mit meinem ersten Spiel los. Ich glaube, ich hatte ein oder zwei Trainings mit dem Team. Die Coaches haben gesagt: Mach dir keine Sorgen und glaube nicht, dass du sofort alle Spielzüge im Kopf haben musst. Wir haben unser Gamebook, aber spiel du einfach dein Spiel. Sei aggressiv. Wenn du offen bist: wirf, wenn du nicht offen bist: pass den Ball. Einfache Dinge. Sie haben mir viel Vertrauen gegeben. Und danach haben wir uns in den Trainingseinheiten dann intensiver damit befasst, wie ich hier am besten hineinpasse in die Teamdynamik. Und es ist dabei geblieben: Innerhalb dessen, was wir spielen wollen, genieße ich viele Freiheiten, um kreativ zu sein: für mich und für die Mitspieler. Für mich ist das eine sehr gute Situation und ich bin wirklich sehr froh, hier in Oldenburg gelandet zu sein. Du hast es eben gesagt: Ich konnte offenbar meine Zahlen verbessern, und das liegt einerseits an unserer Spielweise und andererseits an der Arbeit, die ich investiere, um besser zu werden. Denn um in dieser starken Liga bestehen zu können, muss man viel tun. Letzte Saison war okay, aber ich habe gesehen, dass da noch mehr möglich ist.

Bei einem Blick auf das vorangegangene Spiel gegen Bonn fällt auf, dass es in zwei klar voneinander getrennte Hälften geteilt war: In der ersten Halbzeit, oder besser: bis kurz vor Ende dieser, habt ihr den Ball hervorragend bewegt und Bonn in Schwierigkeiten gebracht. Dann, formulieren wir es ruhig so, kollabierte das Ganze. Hast du eine Erklärung für das, was dort passiert ist?

Puh, das ist schwer. Aber es gab schon ein paar Punkte, die man betrachten sollte. Wir haben wirklich stark begonnen. Ich glaube, die Bonner haben dann in der Defense ein paar Umstellungen vorgenommen. Dadurch ist uns der Flow abhandengekommen, die Ballbewegung wurde schwächer. Aus unseren Fehlwürfen resultierte eine gute Transition der Bonner. Die sind dann zu guten Würfen gekommen, haben ihre Positionen schnell gefunden. Sie trafen auch einfach immer weiter. Es fühlte sich an wie eine Lawine! Sie trafen einen Dreier, wir verpassten den nächsten Wurf, sie trafen den nächsten Dreier – und so ging das immer weiter. Du schaust auf die Anzeigetafel, hast eben noch mit zehn geführt, dann bist du mit zwölf hinten. Vielleicht kommt eines Tages ein Psychologe daher und sagt: Verlieren beeinflusst deine Gedanken. (lehnt sich zurück und überlegt) Ich würde gerne behaupten: Das ist bei uns nicht so, aber … es ist schon schwierig. Es fühlt sich so an, als seien wir momentan gelegentlich am falschen Ende von längeren Läufen. Und das macht dann den Unterschied zwischen gewinnen und verlieren aus.

Zuletzt sind Crandall und die EWE Baskets in der easyCredit BBL in Schieflage geraten. Bild: Ulf Duda / fotoduda.de

Es wirkt tatsächlich so, als würde da etwas im Kopf passieren. Sobald Fehler auf dem Parkett geschehen, scheint die Sorge um sich zu greifen: bitte nicht schon wieder …

Ich wiederhole mich gerne: Ich würde so gerne sagen, dass uns das nicht passiert und dass wir die mental stärksten Leute dieser Welt sind. Aber am Ende sind wir alle Menschen.

Wenn du auf euch schaust: Was, abseits der erhofften Rückkehr der Verletzten, ist aktuell notwendig, um wieder Spieler zu gewinnen?

Ich glaube, und das habe ich meinen Teamkollegen auch schon gesagt, wir müssen einen Weg finden, ein wenig härter zu werden. Natürlich nicht in dem Sinne, über das Parkett zu rennen und Gegner auszuknocken. Es gibt viele Wege, Härte auf dem Spielfeld zu zeigen. Es gab da gegen Bonn diese eine Szene, die wirklich herausragt: Wir haben den Ball super bewegt, dann war es, wenn ich mich richtig erinnere, Lukas, der zum Korb zog, den Ball dann wieder herauspasste und nach weiteren guten Pässen stand ein Dreier. Der Ball prallt vom Ring, Bonn will rebounden, wir kämpfen aber weiter und holen ihn uns zurück. Unter größtem Druck sichern wir den Ball – und es wird wieder gepasst, wir bekommen wieder einen Wurf und verfehlen am Ende noch einmal.

Genau dieser Moment löste in mir das Gefühl aus: Wenn Oldenburg das Spiel gewinnt, werden wir hinterher alle über diese eine Szene reden: Teamplay, Hustle-Stil deluxe, die Fans rasteten aus.

Absolut! Das ist genau der Stil, den wir spielen wollen. Natürlich mit dem Ziel, den Ball dann auch zu treffen. Aber: Bei einem solchen Play ist es für jeden Einzelnen, der im Ballbesitz ist, schwierig zu entscheiden: Nehme ich den Wurf? Ziehe ich zum Korb? Passe ich weiter? Wir alle vertrauen unseren Möglichkeiten. Jeder, der in dieser Sequenz den Ball in den Händen hatte, dachte: Oh, da ist ein anderer, der in einer noch besseren Position ist. Und genau da zeigt sich Toughness! Es wäre einfach, für sich zu entscheiden: Danke für den Ball, ich übernehme das jetzt. Jeder ist da mit mentaler Stärke extrem gefordert, die richtige Entscheidung zu treffen. Alle haben diese Härte und Stärke in vielen Momenten bereits gezeigt. Immer dabei bleiben, nie den Kopf hängen lassen, auch den nächsten freien Wurf mit Überzeugung nehmen, obwohl der oder die davor nicht erfolgreich waren. Und genau das muss unsere Identität sein. Und jetzt, wo wir nur zu acht spielen, ist all das natürlich noch einmal eine ganze Ecke herausfordernder. Aber: Das ist unser Stil, und wir werden das nicht verändern. Ich bin davon überzeugt, dass wir überhaupt nicht weit davon entfernt sind, dass wir uns mit Erfolgen belohnen. Wir müssen unseren Stil über 40 Minuten aufrechterhalten. Es gab immer mal Phasen, auch Viertel, in denen uns das nicht gelungen ist. Und genau in diesen Momenten kamen die Gegner zu den entscheidenden Läufen.

In Sachen Shooting sieht Geno Crandall bei sich selbst noch Steigerungspotenzial. Bild: Ulf Duda / fotoduda.de

Schauen wir uns dein eigenes Spiel an. Mit 27 Jahren und in deiner erst vierten Profisaison bist du ja noch eher ein junger Basketballer. Wo siehst du das größte Steigerungspotenzial?

Vor allem muss ich kontinuierlich daran arbeiten, den Ball mit Überzeugung zu werfen und dabei auch eine gewisse Aggressivität an den Tag zu legen. Ab und an bin ich für eine Catch-and-shoot-Situation offen, aber aufgrund der Tatsache, dass ich in meiner Karriere nicht als Shooter bekannt bin, setze ich den Ball doch zunächst wieder auf den Boden. Und dann wird der Wurf gleich wieder schwieriger, weil ein Verteidiger hinzukommt. Ich glaube, ich habe mich in diesem Bereich schon verbessert, und auch im Moment ist das in Ordnung, wenngleich ich mich mit den exakten Zahlen ehrlich gesagt gar nicht beschäftige. Aber: Es fühlt sich derzeit gut an, wenn der Ball meine Hand verlässt. Ich investiere im Sommer stets viel Arbeit meinen Wurf. Außerdem möchte ich smarter werden, was mein Spiel betrifft: die richtigen Entscheidungen treffen, es einfacher machen, vor allem für meine Mitspieler. Als Point Guard musst du schon werfen, wenn du offen bist, und auch attackieren, wenn der Weg frei ist – aber vor allem musst du sehen, wo der offene Schütze steht, denn auf diesem Level gibt es so viele Spieler, die den Ball einfach sehr, sehr gut werfen können. Auch hier im Team haben wir tolle Werfer, aber ebenso Spieler, die am Brett punkten können – und ich muss einen besseren Job erledigen, um ihnen zu einfacheren Abschlüssen zu verhelfen.

Am Samstag geht es gegen dein ehemaliges Team. Was erwartest du von der Partie gegen Göttingen? Die Gäste stehen mit bislang nur drei Siegen ebenso unter Druck, Spiele gewinnen zu müssen.

Sie haben Druck, wir haben Druck – es treffen zwei Teams aufeinander, die diesen Sieg und auch darüber hinaus weitere Erfolge dringend benötigen. Ich glaube, es wird ein sehr intensives Spiel. Sie haben Jungs dabei, die wissen, wie man den Korb trifft. Das ist ein Highscoring-Team!

Sie verfügen alleine über fünf Spieler, die mindestens 40 Prozent ihrer Dreier treffen …

Exakt, und das ist einer der Gründe, warum sie im Schnitt zu so vielen Punkten kommen. Das wird eine echte Herausforderung. Wie können wir sie stören? Wie können wir sie dazu zwingen, aus der Nahdistanz abschließen zu müssen? Wir müssen sie in die Zonen drängen, in denen sie sich nicht komfortabel fühlen. Sie erzielen viele Punkte, allerdings kassieren sie auch eine ganze Menge. Wir müssen das als Chance begreifen, in unseren Rhythmus zu finden. Aber im selben Atemzug ist es wichtig, daraus nicht abzuleiten, sie als defensiv schwach zu verstehen und ins Eins-gegen-eins-Spiel abzugleiten. Das ist die Herausforderung: Die guten Sachen gegen noch bessere einzutauschen. Hier treffen trotz der jüngsten Resultate keinesfalls zwei schwache Teams aufeinander, ich rechne mit einem Spiel mit viel Energie – von zwei hungrigen Mannschaften, die es sich und anderen beweisen wollen.

Von der Qualität der Liga ist Geno Crandall nach wie vor beeindruckt. Bild: Ulf Duda / fotoduda.de

Wenn ich mit dir über Göttingen rede, komme ich nicht darum herum, einen Vorfall aus der vergangenen Saison anzusprechen. Du bist mit Karim Jallow aneinandergeraten und wurdest nach einem Schlag gegen ihn für vier Spiele gesperrt. Denkst du über diese Situation heute noch nach? So wie ich dich auf dem Court und abseits des Parketts erlebe, passt ein solcher Ausbruch überhaupt nicht zu dir.

Ehrlich gesagt, denke ich darüber nicht mehr nach. Ganz im Gegensatz zu meinen Teamkollegen hier nebenan. (lacht und deutet Richtung Trainingshalle) Ich war kaum hier, da sprachen mich die Jungs grinsend darauf an. Es war ein einziger Moment, der ganz und gar nicht meinem Charakter entsprach. Und ich war sehr enttäuscht von mir selbst. Nicht nur an dem Tag, sondern auch darüber hinaus, schließlich habe ich auch meinem Team durch die lange Sperre geschadet. Wie ich vorhin schon sagte: Wir sind Menschen, und es war mein Fehler. Es wurden überflüssige Dinge gesagt, und als ich ein Wort zu viel gehört habe, reagierte ich einfach – ohne darüber nachzudenken. Ich definiere mich als nachdenklichen Menschen. Ich mache mir immer Gedanken über das, was ich tue. Damals war das in diesem einen Moment anders: Ich dachte nicht nach, ich hörte ein Wort, ich reagierte. Das war nun wahrlich kein Beispiel für das, was mich eigentlich als Menschen ausmacht. Es war ein Fehler und ich habe daraus gelernt.

Zu guter Letzt: Wie siehst du die Entwicklung, die die easyCredit BBL in dieser Saison nimmt? Wir haben beispielsweise einen Meisterschaftsfavoriten wie Berlin, der in Schwierigkeiten steckt, wir haben München mit einer ordentlichen Saison in der Liga, aber Problemen in der Euroleague, dazu kommen ein Tabellenführer aus Chemnitz und Mannschaften wie Bonn und Oldenburg, die nicht an das anschließen können, was sie in der vergangenen Saison gezeigt haben.

Ich habe das auch hier im Team schon häufig angesprochen, gerade gegenüber jenen, die noch nicht in Deutschland gespielt haben: Das ist eine wirklich starke Liga! Von ganz oben bis ganz unten kann jeder jeden besiegen. Das spricht einerseits für das Niveau der Spieler, das eben nicht nur bei den Euroleague-Teams hoch ist, sondern auch bei jenen, die über vermeintlich nicht so viel Geld verfügen. Da gibt man sich sehr viel Mühe, jene Jungs aufzuspüren, die andernorts vielleicht durchs Raster gefallen sind. Andererseits sind die Coaches zu nennen: Es gibt viele verschiedene Spielstile und Systeme. Die Tabelle ist momentan vielleicht tatsächlich ein wenig chaotisch, und es gibt viele Clubs, die nur durch einen oder zwei Siege voneinander getrennt sind. Das war im Vorjahr schon ähnlich, wenn man Bonn einmal ausklammert, das allen davongelaufen ist. Es ist eine wirklich herausfordernde Liga. Es ist für alle toll, dass jedes Spiel wichtig ist – sowohl für uns Akteure als auch für die Fans. Und das weckt ja auch allgemeines Interesse: Hey, hier kann jeder jeden schlagen und am Ende Meister werden. Die Topspots sind definitiv nicht für die immer selben zwei Clubs reserviert. Wenn du die richtige Mischung findest, den passenden Coach hast und von Verletzungen verschont bleibst, kannst du sehr erfolgreich sein. Es ist eine große Freude, ein Teil davon zu sein. Und wenn wir von der Professionalität sprechen, dann ist das auch beim Blick auf Europa im Prinzip unvergleichlich.