Torben Rosenbohm

Freier Journalist aus Oldenburg

Ulm fordert Bonn heraus: Wird eine Oldenburger Katze Deutscher Meister?

Die Sache war doch eigentlich klar. 34 Spieltage lang würden sich die 18 Clubs der easyCredit Basketball Bundesliga um die jeweils angestrebte Platzierung bemühen, in den Playoffs ginge es wie gewohnt intensiv zur Sache – und am Ende würde Berlin oder München den nächsten Titel für die jeweilige Sammlung verbucht haben. BBL-Business as usual.

Dann kam alles ganz anders.

Vom 9. Juni an spielen die Telekom Baskets Bonn und ratiopharm ulm um die Deutsche Meisterschaft. Berlin? Hat nach dem Viertelfinal-Aus (gegen Ulm) Urlaub. München? Musste – ebenfalls gegen Ulm – im Halbfinale die Segel streichen. Bonn gegen Ulm, das heißt auch: Es wird ein Club Meister, der bislang bei der Konfettiparade nach einer Finalserie immer betrübt am Rande des Trubels stand. Fünfmal wurden die Rheinländer Vizemeister, dreimal die Ulmer.

Keine Frage: Es ist Zeit für die ganz großen Emotionen.

Drei Gründe für den Bonner Erfolg: Collin Malcolm, TJ Shorts und Tyson Ward (von links). Bild: Ulf Duda/fotoduda.de

Der Durchmarsch der Bonner bis in die Finalserie kann eigentlich tatsächlich niemanden mehr überraschen. Vor der Saison hätte wohl niemand mit einer solchen Machtdemonstration gerechnet, doch je länger die Spielzeit 2022/2023 dauerte, desto gefestigter wurde das Gesamtgefüge. In der Hauptrunde verlor die Mannschaft von Trainer Tuomas Iisalo nur zwei Spiele, in der Champions League spielte sich das Team ebenfalls von Sieg zu Sieg. Im Endspiel legten TJ Shorts und seine Kollegen dann den Makel des vermeintlich ewigen Zweiten ab und triumphierten auf der internationalen Bühne. Ein Titel für Bonn: Von nun an ist im Basketball offenbar alles möglich.

Wer die Stimmung unter den Bonner Fans nach dem Erfolg im Europapokal und den souveränen Playoffsiegen gesehen hat, der weiß: Dort würde eine Meisterschaft nicht einfach so hingenommen wie andernorts, wo Titel schlicht zur Lebensgrundlage gehören. Bonn blüht der Ausnahmezustand.

Das gilt natürlich auch für Ulm. Der Club aus dem Süden hat in der regulären Saison nicht immer überzeugen können, am Ende reichte es aber für Platz sieben und die Qualifikation für die Playoffs. Die sehr junge Mannschaft hatte durchaus zu kämpfen mit der Doppelbelastung aus BBL und Eurocup, doch pünktlich zu den Playoffs erreichten die Schützlinge von Trainer Anton Gavel das, was eigentlich jeder in der Meisterrunde erleben möchte: die Bestform.

Ulm kegelte die beiden deutschen Euroleague-Teilnehmer Berlin und München aus dem Wettbewerb und dürfte mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen in die Finalserie gehen. Das wiederum sieht bei den Bonnern nicht anders aus: 25 Siege in Folge gelangen den Telekom Baskets – wenn sie Ulm mit einem Sweep in den Sommer bugsieren, würden sie einen neuen Rekord für die längste BBL-Siegesserie aufstellen. Den hält aktuell: Ulm.

Und wer ist nun im Vorteil?

Die Telekom Baskets haben in dieser Saison kein Heimspiel verloren. In knappen Momenten, von denen es allerdings auch nur wenige gab, fanden sie immer Lösungen und ließen sich auch von Verletzungen nicht aus der Bahn werfen. Das gilt aktuell auch mit Blick auf den Ex-Oldenburger Karsten Tadda: Der Defensivspezialist hat nach einer Rückenblessur kein Playoffspiel bestritten und fällt nach einer OP auch für die Finals aus. Iisalo und sein Trainerteam haben diesen Rückschlag souverän weggesteckt. Die Mannschaft ist perfekt aufeinander abgestimmt, alles greift fast beängstigend gut ineinander. Daher: Das Gesamtpaket lässt Bonn als den Favoriten auf den Titel erscheinen.

Juan Nunez strebt mit seinen Ulmern nach einem Meisterbanner. Bild: Ulf Duda/fotoduda.de

Allerdings: Ulm hat ein Momentum kreiert, das einem einschüchternden Monster nahekommt. Das Team, das im Aufbau von den beiden jungen Akteuren Yago Dos Santos und Juan Nunez gelenkt wird, beweist nicht nur die passende kämpferische Einstellung, sondern auch offensive Qualität. Berlin und München bissen sich an der Überzeugungskraft, die Ulm ausstrahlt, kapital die Zähne aus. Individuelle Klasse, gepaart mit sichtbarem Teamgeist: Wie ein klassischer Underdog wirkt der Herausforderer nicht (mehr).

Aus Oldenburger Sicht fällt der Blick nicht nur auf den Bonner Sebastian Herrera, der hier Schwierigkeiten hatte und im Rheinland voll aufgeblüht ist, sondern auch – und vor allem – auf den Co-Trainer der Ulmer. Tyron „The Cat“ McCoy, der im Februar 2002 sein Debüt gegeben hatte und sich im Trikot der EWE Baskets von 2002 bis 2007 Legendenstatus erspielte, hat als einziger Assistent an der Seite von Gavel gewiss großen Anteil an der Entwicklung. In den Playoffs durfte er sogar in die Headcoach-Rolle schlüpfen, als der Chef im dritten Viertelfinalspiel in Berlin nach zwei technischen Fouls disqualifiziert wurde. McCoy übernahm das Kommando – und führte seine Jungs zum Auswärtssieg. Eine Oldenburger Katze als Deutscher Meister? Diese Vorstellung hat ihren Reiz.

Nach den zuweilen übertrieben physisch gespielten Serien zuvor erwarte ich nun wieder deutlich mehr Basketball – von zwei Mannschaften, die nach den vorangegangenen Leistungen uneingeschränkt verdient im Finale stehen. Es kann losgehen!


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